Fränkisches Freilandmuseum Fladungen

mit dem Rhön-Zügle

Unsere Sammlung

Kleine Stücke regionale Geschichte entdecken


Monat für Monat stellen wir hier ein außergewöhnliches Objekt aus unserer Sammlung vor. Im Depot des Freilandmuseums befinden sich viele Objekte, die nicht oder nur selten in Dauer- oder Sonderausstellungen gezeigt werden können. Online können Sie nun eine Auswahl an verborgenen Museumsschätzen und ihre Geschichten entdecken.

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Objekt des Monats März: Kastenratsche

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  • Inventarnummer: 23148
  • Herkunft: aus Privatbesitz in Wüstensachsen (Gemeinde Ehrenberg, Landkreis Fulda)
  • Klangkörper/"Lärminstrument" aus Fichten- und Buchenholz geschnitzt, gedrechselt und genagelt
  • 29 cm x 15 cm x 30cm

"Die Glocken sind nach Rom geflogen", so lautete eine der populärsten Begründungen für den Brauch des "Klapperns" oder "Ratschens" zwischen Gründonnerstag und der Osternacht, der sich in manchen Teilen der Rhön bis heute erhalten hat. Anstelle der Kirchenglocken riefen Kinder – lange Zeit vor allem Buben/Ministranten im Alter von 7 bis 14 Jahren – mithilfe einer Vielzahl von "Instrumenten" zum Gottesdienst. Die Bezeichnungen für die Ratschen unterschieden sich oft von Ort zu Ort. Am weitesten verbreitet waren "Klapper" und "Ratsche", aber auch "Rumpel", "Klapperkasten" und "Kärre" ließen in der Rhön ihren charakteristischen Lärm erklingen.

In unserem Fall handelt es sich um eine sogenannte Kastenratsche, die aus Wüstensachsen (Lk. Fulda) stammt. Auf einem Resonanzkörper sind vier Zungen mit einem querliegenden Brettchen am unteren Ende fixiert. An ihrem losen Ende sind die Zungen mit kleinen Hammerköpfen ausgestattet. Von den Zapfen, die auf der zylindrischen Achse angebracht sind, werden die Hämmer in gewissen Abständen angehoben und schlagen dann auf dem Resonanzkörper auf. Die Achse wird durch eine seitliche Kurbel bewegt, womit sich Tempo und Rhythmus des "Klapperns" variieren lassen. Zum Spielen der Ratsche wurde diese entweder auf den Boden gelegt, mit einem Arm vor die Brust geklemmt oder mit einem Schulterriemen vor der Hüfte getragen. Diese Ratsche wurde eine Zeit lang auf letztere Weise verwendet, wie sich an Textilresten am Kastenboden erkennen lässt. Aufgrund der seltenen Nutzung kam es häufig zu Schäden bei der Lagerung. Auf diese Weise könnte auch einer der Zapfen verloren gegangen sein.

Beim "Klappern" liefen die "Klapperbuben" oft von Haus zu Haus und bekamen für das Klappern und das Aufsagen oder Singen von kurzen Reimen und Liedern eine "Entlohnung" in Form von Süßigkeiten, Trockenobst und Eiern. Der Wunsch, die lärmenden Kinder nur möglichst kurz vor der eigenen Haustür zu haben, bot sicher ausreichend Motivation, mit Eiern und Süßigkeiten nicht zu sparsam zu sein. In Corona-Zeiten ist dieser Brauch nur schwer auf traditionelle Weise umzusetzen, im letzten Jahr wurden aber bereits neue Wege gefunden, wie beispielsweise das Distanz-Klappern auf dem eigenen Grundstück oder am Fenster.


Objekt des Monats Februar: Kleegeige

  • Inventarnummer: 30993
  • Herkunft: Privatbesitz, Ostheim v. d. Rhön, Landkreis Rhön-Grabfeld
  • Gerät zum Ausstreuen von Saatgut
  • Buchen- und Kiefernholz, Metallguss, Blech (verzinkt), Garn, Leinen
  • 48 cm x 17 cm x 2,5 cm (Kasten und Streuteller)
  • 80 cm x 3 cm (Bogen), 50 cm (Länge Schulterriemen)

Die Schnur zum Drehen des Streutellers ist intakt, der Stoffriemen zum Tragen über der Schulter ist an einer Seite abgerissen. Der sechszackige Streuteller aus Gussmetall ist an manchen Stellen leicht verbogen.

Vor der flächendeckenden Verbreitung von landwirtschaftlichen Maschinen zur Aussaat wurde Saatgut über Jahrtausende hinweg vor allem mit der Hand auf dem Feld verteilt. Um die Aussaat im Ergebnis gleichmäßiger und effizienter zu gestalten, wurden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA verschiedene Aussathilfen entwickelt. Die sogenannte "Kleegeige" (engl. "seed fiddle") war eines der populärsten Geräte dieser Art.

Auf einer Abbildung aus einem Katalog von 1891 (USA) lässt sich die Funktionsweise einer "Kleegeige" nachvollziehen (hier mit einem Saatbehälter aus Stoff). Das Gerät wurde mit einem Riemen über der Schulter getragen und beim langsamen Voranschreiten wurde der Stock gleichmäßig hin und her bewegt, wodurch das Saatgut in großem Bogen vom Streuteller geschleudert wurde. Das Äußere und die durchgeführte Bewegung ähnelten somit einer Geige, womit sich der Name "Kleegeige" erklären lässt. 

Vor allem zur Aussaat von Kleinsamen wie Klee, Rüben, Gras und Raps wurden "Kleegeigen" verwendet, allerdings konnte auch mineralischer Dünger damit verstreut werden.

Diese "Kleegeige" ist noch relativ gut erhalten. An einer Seite des Saatgutbehälters ist ein Blech-Schild angebracht, auf dem der Name "Mörwald's 'Kleegeige'" zu finden ist. Außerdem sind Angaben zur Aussaatmenge pro Tagwerk (ca. 0,34 Hektar) und ein Verweis auf den Hersteller "Hans Mooshammer - Maschinenbau" aus Trostberg (Lk. Traunstein, Oberbayern) ablesbar. Laut der entsprechenden Angabe wurden bei einer Ausstreubreite von 6 Metern bis zu 11 Pfund Klee pro Tagwerk ausgesät.

Für unebene und schwer zu bestellende Ackerflächen in der Rhön eignete sich diese handliche "Kleegeige" als kostengünstiges Hilfsmittel zur effizienteren Aussaat. Größere Sämaschinen wurden bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Landwirtschaft eingesetzt, waren für viele Kleinbauern allerdings unerschwinglich. Von Hobbygärtner:innen werden auch heute noch Kleinsämaschinen verwendet.


Objekt des Monats Januar: Griffelkästchen

Griffelkästchen
  • Inventarnummern: 33487, 33488
  • Herkunft: Erika Jung, Stetten (Landkreis Rhön-Grabfeld)
  • Behältnisse zum Aufbewahren von Schreibutensilien, Hartholz, mit verschiebbaren Deckeln verschließbar, Schnitzverzierungen, Inhalt: Schreibfedern (Stahl, Messing) und Federhalter

Diese zwei Kästchen sind 23 cm bis 24 cm lang, etwa 6 cm breit und 2,5 cm bzw. 6 cm hoch und aus Hartholz gefertigt. Den beiden Kästchen ist eine umfangreiche Benutzung anzusehen. Auf einem Deckel ist der Name „Erika Jung“ eingeschnitzt und mit geschnitzten Eichenblättern verziert, deren Blattstiele den Namen einrahmen. An einer Seite des Deckels ist eine kleine Stelle abgeflacht, um das Aufschieben zu erleichtern. Der Deckel des anderen Kästchens ist deutlich einfacher gestaltet. Nur zwei schmale Zierrillen und eine runde Griffmulde sind in das Holz geschnitzt. Unter den aufschiebbaren Deckelplatten befinden sich jeweils unterschiedlich große Fächer.

Die Griffelkästchen waren im Besitz von zwei Familiengenerationen. Der Mutter gehörte das schlichtere Kästchen (um 1910), die Tochter bekam ihr mit Namen und Blattmotiv verziertes Kästchen zur Einschulung 1943 in Suhl, wo einigen ihrer Mitschüler:innen ähnliche Kästchen geschenkt wurden. Noch vor dem Bau der Berliner Mauer verließ die Tochter Thüringen und wohnte lange Zeit in Niedersachsen, bis sie schließlich in die Rhön zog. Diese zwei Kästchen hatten somit eine vielgestaltige Geschichte mit drei politischen Systemwechseln hinter sich, bevor sie ihren Weg ins Museum fanden.

Schreiben lernen ist ein zentraler Bestandteil der Schulbildung, die dafür verwendeten Hilfsmittel unterlagen aber vor allem im 20. Jahrhundert einem ständigen Wandel. In diesen zwei Kästchen wurden ursprünglich höchstwahrscheinlich Schiefergriffel aufbewahrt, im Laufe der Schulzeit wurden die Kästchen dann umfunktioniert und dienten nun zur Aufbewahrung von Metallfedern und Federhaltern, wie auch an den zahlreichen Tintenflecken erkennbar wird. In den ersten Schuljahren nutzten die Schüler:innen bis in die 1960er Jahre hinein Schiefergriffel, mit denen auf Schiefertafeln geschrieben wurde. Die Griffel waren billig und das Geschriebene konnte einfach mit einem Schwamm weggewischt werden. Die älteren Schüler:innen verwendeten zum Schreiben auf Papier lange Zeit Stahlfedern mit Federhaltern und Tintenfässchen, bevor sich Füllfederhalter ab den 1950ern langsam durchsetzten. Moderne Füllfederhalter und Kugelschreiber, wie sie heute von vielen verwendet werden, sind praktisch und einfach in der Handhabung. Was die nachhaltige Nutzung von Rohstoffen angeht, waren Griffel und einfache Stahlfedern dem Kugelschreiber und dem Füllfederhalter aber um einiges voraus.


Objekt des Monats Dezember: Eisenbahn-Uniformmantel

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  • Inventarnummer: 33537
  • Herkunft: Walter Rücker, Schweinfurt
  • Schwarzer Wollstoff, blau eingefärbter Kragen, 12 Messingknöpfe in 2 parallelen Reihen

Im Winter waren ein warmer Mantel oder eine warme Jacke schon immer etwas Tolles. Ganz besonders dann, wenn man viele Stunden an kalten und windigen Bahngleisen arbeiten musste, wie der ehemalige Besitzer dieses Eisenbahn-Uniformmantels, Walter Rücker (geb. 1911). In Folge des 2. Weltkrieges kam er aus dem heutigen Tschechien ins unterfränkische Lülsfeld und begann am Bahnhof im benachbarten Gerolzhofen für die Deutsche Reichsbahn (später Deutsche Bundesbahn) zu arbeiten. 1951 wurde er an den Bahnhof nach Schweinfurt versetzt und vermutlich um 1960 wurde er mit diesem Mantel ausgestattet. Fast 35 Jahre arbeitete Walter Rücker an unterfränkischen Bahnhöfen. Nach seinem Tod übergab seine Tochter den Mantel an das Freilandmuseum.

In seiner Ausführung ist der Mantel vor allem praktisch. Der schwere, schwarze Wollstoff schützte vor Wind, Kälte und leichtem Regen und wies den Träger eindeutig als Bahn-Beamten aus.  Stilistisch ist er an Militäruniformen des späten 19. Jahrhunderts angelehnt.

Die Abnutzungsspuren am Kragen und den Ärmeln lassen klar erkennen, dass der Mantel regelmäßig getragen wurde. Sein insgesamt guter Erhaltungszustand lässt sich aber nur durch eine gewissenhafte Pflege erklären.

Die Verwendung von Kunststoffen in der Herstellung von funktionaler Arbeitskleidung hat heute die Verwendung von Wolle und Baumwolle hierfür nahezu vollständig verdrängt. So lange wie dieser Mantel getragen wurde, wird heute kaum noch ein Kleidungsstück genutzt und gepflegt.


Objekt des Monats November: Kinder-Skistiefel

Kinder-Skistiefel
  • Inventarnummer: 26730
  • Herkunft: Schuhgeschäft Schäflein, Fladungen
  • Zweifarbiges Leder (rahmengenäht), Ösen und Schnallen aus Metall, Sohle im vorderen Bereich metallverstärkt

Dieses Objekt ist eng mit der jüngsten Geschichte Fladungens verbunden. Es stammt aus dem Bestand des Traditionshauses „Schuhhaus Schäflein“. 1905 gegründet vom Fladunger Sattlermeister Franz Leutbecher, bestand es für mehr als 100 Jahre, bis zur Auflösung im März 2018. In dieser Zeit lag die Geschäftsführung in der Hand von vier Generationen aus Fladungen.

Bei diesen Schuhen handelt es sich um „nagelneue“ und unbenutzte Kinder-Skistiefel der Größe 27 aus den 50er Jahren. Sie sind in ihrer Gestaltung relativ aufwändig und waren bei einem Preis von 54,90 D-Mark keineswegs günstig. Hochwertiges Leder in verschiedenen Brauntönen, gelb-schwarze Schnürsenkel und teilweise gelbe Nähte sind hübsch anzusehen und noch sehr gut erhalten. Die festen Sohlen sind am vorderen Ende mit einer Metallversteifung versehen, um einen festen Halt in der Skibindung zu gewährleisten. Zum selben Zweck findet sich auch in der Sohle an der Ferse eine Kerbe, die das Wegrutschen der hinteren Bindungsteile verhindern sollte.

Skifahren wurde nach dem zweiten Weltkrieg in der Rhön immer populärer. An der Wasserkuppe und am Kreuzberg wurden 1954 bzw. 1958 die ersten Lifte eröffnet und in den folgenden Jahrzehnten kamen noch eine Reihe weiterer Lifte in der Region dazu. Vielleicht erlaubt es die Schneesituation in diesem Winter in der Rhön auf Skiern über den Schnee zu gleiten, die Skisaison in den Alpen steht diesen Winter aufgrund der aktuellen Pandemie allerdings unter keinem guten Stern. Skischuhe sehen heute völlig anders aus als unser „Objekt des Monats“, doch die Freude über einen schönen Tag auf Skiern war vor 70 Jahren vermutlich genauso groß wie heute.


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